Freitag, 7. Juli 2006, Financial Times Deutschland, von Carsten Schmidt
Zum Ende jeder WM dreht sich das Trainerkarussell. Der argentinische Trainer José Pekermann ist schon zurückgetreten. Und in Deutschland interessiert derzeit nur die eine Frage, ob Jürgen Klinsmann Bundestrainer bleibt oder nicht.
Warum wird nach einer schlechten Leistung einer Mannschaft in der Regel der Trainer ausgewechselt (und nicht das Team), während bei einer guten Leistung alle den Trainer zum bleiben bewegen wollen?
Ob sich ein Trainerwechsel lohnt, ist eine empirische Frage. Dazu haben sich Nikolaus Beck von der Uni Erfurt und Mark Meyer von der Uni Gießen die 71 außerplanmäßigen Trainerwechsel während der Bundesligarunden 1992 bis 2004 näher angesehen. Sie betrachten also nur die Trainerwechsel, die aufgrund schlechter Leistungen der Teams erfolgt sind und lassen alle regulären Wechsel zum Ende einer Saison unbeachtet. Berücksichtigt man die Platzierung einer Mannschaft nicht, stellt man zunächst eine bessere Performance nach einem Trainerwechsel sowohl in Heim- wie auch in Auswärtsspielen fest. Aber diese schnelle Analyse beruht auf einer Täuschung durch die Statistik!
Es ist einfach zu erkennen, dass ein Trainerwechsel meist vollzogen wird, wenn das Team deutlich unter seiner üblichen Leistung bleibt. Doch nach einer schlechten Phase haben Mannschaften in der Regel wieder eine normale Phase - egal ob der Trainer gewechselt wurde oder nicht. Mannschaften gewinnen Spiele nach einem Trainerwechsel eben auch, weil sie wieder "an der Reihe sind". Um diesen so genannten "Rückschritt zum Mittelwert" muss die statistische Analyse korrigiert werden.
Unter Berücksichtigung dieses Effekts ist nach einem Trainerwechsel kein langfristiger Einfluss auf den Erfolg eines Teams auszumachen. Dafür kann ein Heim-Effekt nachgewiesen werden: Nach Amtsantritt eines neuen Trainers werden Heimspiele systematisch häufiger gewonnen; nicht so Auswärtsspiele. Es stellt sich die Frage, ob der neue Trainer die Ursache für den Erfolg bei Heimspielen ist oder ob es einen anderen Grund dafür gibt.
Auf der Suche nach alternativen Erklärungen kommt die Analyse des Heimvorteils und des Einflusses der Fans ins Spiel (siehe FTD vom 23. Juni). Die Fans haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Schicksal eines Trainers bei schlechten Leistungen der Mannschaft. Bei einem neuen Coach jedoch kann der Optimismus der Fans die eigene Mannschaft in den Heimspielen beflügeln. Die Fans sind es also, die den alten Trainer ersetzt haben wollen und die dem neuen helfen, zu Hause bessere Resultate zu erzielen.
Ein Trainerwechsel mag also für das Management eines Vereins oder des Verbandes keine schlechte Strategie sein. Allerdings spielt dieser Wechsel bei Auswärtsspielen keine Rolle und bei Heimspielen ist der positive Effekt nicht unbedingt von Dauer. Es gab somit auch nur wenige Trainer, die in der Bundesliga wirklich als "Retter" auftreten konnten und die Leistung der Mannschaft nachhaltig gesteigert haben: Hannes Bongartz, Andreas Brehme, Jürgen Röber, Klaus Topmöller und Berti Vogts sind hier zu nennen. Bei den 66 anderen untersuchten Trainerwechseln war kein nachhaltiger Effekt festzustellen.
Können wir aus den Trainerwechseln der Bundesliga etwas für die Frage nach dem Verbleib von Jürgen Klinsmann als Bundestrainer lernen? Der Trainerwechsel beeinflusst die Performance von Mannschaften ja nicht, und wenn, dann nur bei Heimspielen. Die kommende Europameisterschaft findet aber nicht in Deutschland statt und es werden in der Schweiz und in österreich mit Sicherheit keine Heimspiele. Es dürfte also keine Rolle spielen, ob wir mit neuem oder altem Trainer spielen.
Wenn Deutschland bei dieser WM besser abgeschnitten hat als erwartet, so sollte der Trainer - sei es Klinsmann oder ein anderer - mit einem nicht ganz so guten Abschneiden bei der EM 2008 rechnen. Denn es droht nun der Rückschritt zum statistischen Mittelwert.