Donnerstag, 15. Juni 2006, Financial Times Deutschland, von Carsten Schmidt

Kleine Arbeitshilfe für TV-Kommentatoren

Lieber Johannes B. Kerner! Ist ein Tor direkt vor der Pause eigentlich wichtiger für das Ergebnis als ein Tor am Anfang? Welch eine Frage! Peter Ayton, ein Psychologe von der City University London, hat 15 Profifußballer eines bekannten englischen Premier-League-Vereins befragt, neun antworteten mit Ja.

Lieber Gerhard Delling! Wie viel Selbstvertrauen gibt eigentlich ein Tor? Ein erfolgreicher Schütze trifft auch im nächsten Spiel systematisch häufiger, oder? Ihm gelingt einfach alles, ihn sollte man anspielen. Er hat einen "Lauf", im Angelsächsischen heißt es, dass er "hot" ist.

Lieber Günter Netzer! Eine Mannschaft, die gerade ein Tor geschossen hat, ist direkt danach doch wohl gefährdeter, ein Tor zu kassieren, als sonst. Der Trainer muss dann besorgt auf seine Mannschaft schauen und mit todernster Miene die Spieler zurückbeordern. Peter Ayton zitiert in seinem Artikel "Footballers' Fallacies" Interviews mit Sportpsychologen, die plausible Gründe für erhöhte Wachsamkeit nach erfolgreichem Torschuss liefern. Mein Lieblingsgrund: "Ich denke, es ist klar, dass das Team sich nach einem erfolgreichen Torschuss mental entspannt und die Konzentration verliert, wenn es ein wichtiges Tor geschossen hat, während das andere Team immer noch bei der Sache ist."

Aber Vorsicht! Der Titel der Ayton- Studie lässt es schon ahnen - dies alles sind Mythen des Fußballspiels, die mit Fakten nicht belegt werden können. Nehmen wir das Tor direkt vor der Pause. Ayton hat sich die Daten von 355 Spielen der Premier League angesehen, die zur Halbzeit 1:0 standen. Dafür hat er die erste Halbzeit in Drittel unterteilt und den Ausgang der Spiele verglichen. Die Gewinnwahrscheinlichkeit für die zur Halbzeit führende Mannschaft bei einem Tor bis zur 15. Minute ist in seinem Datensatz 63 Prozent, von der 16. bis 30. Minute 67 Prozent und nach der 30. Minute 65 Prozent. Die Führung kurz vor Schluss der Halbzeit ist zwar wichtig, immerhin werden fast zwei Drittel dieser Spiele gewonnen. Aber sie ist nicht wichtiger als ein Tor am Anfang.

Auch der "heiße Fuß" kann nicht belegt werden. Ayton nimmt die Top-zwölf-Torschützen der Premier League und schaut sich alle ihre Spiele mit erfolgreichem Torschuss an. Nun vergleicht er, wie häufig die Stürmer im vorherigen Spiel getroffen haben. Die zwölf Spieler sind bei einem Treffer im Spiel davor in 122 von 327 Fällen erfolgreich (37 Prozent) und ohne Treffer in 204 von 569 Fällen (42 Prozent). In einer Liga wechseln zwar in der Regel Heimund Auswärtsspiele, die systematisch höheren Trefferquoten bei Heimspielen könnten das Ergebnis verfälschen. Auch wenn man nur Heimspiele ansieht, ist der "Lauf" aber ein Mythos.

Der Moment nach dem Torschuss ist ebenfalls nicht besonders gefährlich für ein Gegentor - wir haben wohl nur das eine oder andere spannende Spiel im Kopf. Sind die drei genannten Mythen nur Einzelfälle? Es ist wohl eher die Regel als die Ausnahme, dass Fußballweisheiten Mythen sind und keine Fakten: Teams, die rote Trikots tragen, gewinnen nicht systematisch häufiger als solche in blauen. Zehn Spieler auf dem Platz sind nicht besser oder schlechter als elf, zumindest, wenn die rote Karte am Ende der ersten oder in der zweiten Halbzeit gegeben wird. Auch die Bevorzugung der Heimmannschaft durch Schiedsrichter ist nicht mehr in den Daten erkennbar, zumindest bei Profischiedsrichtern.

Liebe Moderatoren! Die Fülle der statistischen Fußballdaten gibt Ihnen einen unendlichen Schatz, um 90 Minuten zu kommentieren. Allerdings beobachten wir Ihre Aussagen ganz genau. Und da die Daten allen zur Verfügung stehen, erlauben wir uns auch, die eine oder andere These zu überprüfen. Dass viele Fußballweisheiten einer seriösen Analyse nicht standhalten, sollte Sie nicht hindern, munter zu kommentieren. Nur: Ein Hinweis auf Ihre beschränkte Haftung wäre sinnvoll.