Freitag, 9. Juni 2006, Financial Times Deutschland, von Carsten Schmidt

Der schnelle Weg zum guten Tipp

Wie Sie auch als Laie wenige Stunden vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft eine Vorhersage abgeben können, die es mit den besten Experten aufnehmen kann

Eine WM macht erst mit einem Tippspiel oder einer Wette richtig Spaß. Für einen richtigen Tipp sitzen allerdings selbst ernannte Fußballexperten oft stundenlang und grübeln. Ich erinnere mich an die Abfuhr eines Kollegen, der an einem Tippspiel aus Zeitgründen nicht teilnehmen wollte. Für einen guten Tipp würde er Stunden brauchen, war sein Argument. Fußball-Laien, zu denen ich mich zähle, können mit ein paar Überlegungen den Zeitaufwand für einen Tipp deutlich reduzieren. Und sie sind mit diesem schnellen Tipp nicht schlechter als die selbst ernannten Experten - zumindest im statistischen Mittel.

Interessanterweise schneiden Experten bei der Vorhersage in verschiedenen Anwendungsgebieten mit sehr unterschiedlichem Erfolg ab. Auf den ersten Blick überraschen mag, dass Meteorologen bei der Vorhersage von Wetterszenarien ziemlich gut sind, Börsenhändler bei der Auswahl von Aktien dagegen eher schlecht.

Der Spielausgang eines Fußballspiels scheint eine starke Zufallskomponente zu besitzen. Die Häufigkeit von Überraschungen - nominell schwächere Teams schlagen stäkere Teams - ist nicht nur bei Weltmeisterschaften sehr groß. Der Zufallsanteil des Spielausgangs liegt bei bis zu 95 Prozent. Aber auch das Wetter hat eine sehr groß Zufallskomponente, somit kann Ungewissheit nicht die einzige Ursache für die schlechte Vorhersage von Fußballergebnissen sein. Es zeigt sich, dass insbesondere, wenn es um das Beurteilen von menschlichem Verhalten geht, Experten besonders schlecht abschneiden.

Der Psychologe Patric Andersson von der Stockholm School of Economics hat mit zwei Kollegen die Prognosen von Experten, Laien (amerikanische Studierende), der Fifa-Weltrangliste und Buchmachern zur WM 2002 untersucht. Ihr Fazit ist, dass Fußballprognosen ein Feld sind, in dem Laien und Experten gleich gut (oder schlecht) abschneiden. Beide Gruppen werden von einer aus der Fifa-Weltrangliste erstellten Prognose geschlagen, die einfach einen Sieg des Teams mit dem besseren Ranking vorhersagt. In der Versuchsanordnung haben die Hälfte der Teilnehmer zusätslich detaillierte Informationen über die WM bekommen. Der Zugang zu den Informationen hat jedoch die Prognose dieser Teilnehmer nicht verbessert, sondern nur ihre Zuversicht gesteigert. Ein Phänomen, das gerade aus der Finanzmarktforschung bekannt ist.

Zumindest Menschen, die von ihrem Fußballwissen leben, so wie Journalisten und Kommentatoren, sollten besser vorhersagen. Um dies zu prüfen hat Andersson die in schwedischen Zeitungen publizierten Prognosen der Weltmeisterschaften von 1990 bis 2002 untersucht. Die Kommentatoren waren nicht besser als die erwähnte Weltrangliste. Generell treffen Experten das Toto-Ergebnis in etwa der Häfte der Spiele korrekt.

Nun haben Journalisten keine direkten monetären Konsequenzen bei einer Fehlprognose zu befürchten. Buchmacher hingegen trifft eine Fehlentscheidung direkt. Aber auch Buchmacher sagen im Mittel nicht häfiger korrekt vorher. Sie sind jedoch deutlich besser kalibriert: Eine höhere Quote korreliert stark mit der drohenden Niederlage einer Mannschaft.

Insgesamt sind die Möglichkeiten zum Ausnutzen von Ineffizienzen am Wettmarkt sehr begrenzt. Die Literatur kennt schwache Formen der Ineffizienz, wie den so genannten Favorite- Longshot Bias. Er besagt, dass Wetten auf Favoriten im Mittel höhere Renditen ergeben als Wetten auf Außenseiter ("longshots"). Die Buchmachergebühren sind aber zu hoch, um den systematischen Fehler nutzen zu können.

Eine relative neue Form der Prognose sind Wettbörsen, die den Teilnehmern ermöglichen, direkt miteinander zu wetten. Innovativ ist insbesondere die Möglichkeit, eine einmal eingegangene Wette wieder zu verkaufen. Die Börsen funktionieren ähnlich wie die großen Vorbilder, es werden aber keine Anteilsscheine an Fußballklubs, sondern artifizielle Wertpapiere auf den Ausgang von Ereignissen gehandelt. Auf Grund der geringeren Margen der Börsenbetreiber - sie liegen im Rahmen von Onlinebrokern - gibt es derzeit einen Umbruch in der Wettindustrie. Der verschärfte Wettbewerb dürfte dazu führen, dass die bekannten Ineffizienzen bei festen Wettquoten mit der Zeit der Vergangenheit angehöhren sollten. Auch die Steuereinnahmen sind davon betroffen, richten sich doch Wettsteuern in den meisten Ländern nach der Höhe der Marge. Wer lieber auf die Favoriten setzt, sollte seine Wette weiterhin beim Buchmacher mit festgelegter Gewinnchance platzieren. Wetten auf Außenseiter sind lohnender, wenn man an der Wettbörse aktiv wird.

Bleibt die Frage, ob ich noch Zeit für einen Tipp kurz vor der WM habe? Der Psychologe Henning Plessner von der Universität Heidelberg findet in einer aktuellen Studie, dass Versuchsteilnehmer, die sich spontan entscheiden, bessere Vorhersagen zum Ausgang des Confederations Cups 2005 machten als Teilnehmer, die mindestens drei Gründe für den möglichen Ausgang des Spiels nannten. Seinen Ergebnissen zufolge sollte ich aus dem Bauch heraus entscheiden - langes Überlegen verschlechtert meine Prognose sogar noch. Bleibt die Frage, auf welches Team ich intuitiv setzen soll? Mit einem statistischen Prognosemodell errechnet dectech.org für Brasilien eine 13-prozentige Wahrscheinlichkeit auf den Titelgewinn. Das lässt immerhin noch eine 87-prozentige Siegchance für alle anderen Teams.